Art Collection Telekom: Ausstellungsarbeit und Aufklärungsarbeit

Die Art Collection Telekom gehört zu den ersten Sammlungen zeitgenössischer Kunst, die ein umfassendes Bild von Ost- und Südeuropa präsentiert. Die Kuratoren Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher erzählen im Gespräch von Missverständissen über eine komplexe Region und ihre Bedeutung für die europäische Integration.

Die Ausstellung "Keeping the Balance" mit Werken aus der Art Collection Telekom im Budapester Muzeúm Ludwig

Als KuratorInnen haben Sie die Art Collection Telekom schon seit ihrem Beginn 2010 mit einem Fokus auf die zeitgenössische Kunst Ost- und Südeuropas ausgerichtet. Wie kam es dazu?

Rainald Schumacher: Wir haben uns schon vorher intensiv im Kontext von Ausstellungsarbeit und Kunstmarkt bewegt. Als sich die Gelegenheit eröffnete der Deutschen Telekom ein Konzept für eine Sammlungstätigkeit für zeitgenössische Kunst vorzulegen, haben wir überlegt, was kuratorisch besonders interessant sein könnte. Uns ist aufgefallen, dass eine Hälfte Europas komplett unterrepräsentiert ist – nicht nur auf dem Kunstmarkt, sondern auch im Diskurs und in den Möglichkeiten, die KünstlerInnen eingeräumt werden. Es war spannend, sich auf ein Terrain einzulassen, das wir selbst nicht gut kannten, das aber extrem wichtig ist, um die Vergangenheit und die Gegenwart Europas zu verstehen.

Nathalie Hoyos: Am Anfang stand natürlich auch der Gedanke der Repräsentation des Unternehmens. Aber Kunst ist ein Mittel um gesellschaftliche Prozesse zu begleiten, Brücken zu bauen und in ihr die Diversität Europas zu zeigen. Das zeigt sich hier besonders. Die Art Collection Telekom sammelt nicht Werke weltberühmter KünstlerInnen um sich damit zu schmücken, sondern Positionen aus unterrepräsentierten Regionen, die die Entwicklungen in ihren Ländern kommentieren, neue Blickwinkel aufzeigen und sie als Werkzeug für Kommunikation nutzen. Das wiederum passt zur Deutschen Telekom als Konzern.

Was waren ihre Eindrücke, als Sie begonnen haben, sich mit ost- und südeuropäischer Kunst auseinanderzusetzen?

NH: Einen Austausch zwischen Ost- und Westeuropa gab es ja immer wieder. Aber es war schon frappierend, wie wenig man heute im Westen über den Osten wusste. Wir hatten den Wunsch mit den jeweiligen Szenen vor Ort in Kontakt zu treten und zu sehen, was dort passiert. Da bekommt man einen Einblick, der sich eben nicht so einfach zusammenfassen lässt, weil die Bedingungen der Produktion und die Infrastruktur in jedem einzelnen Land so anders sind.

RS: Ich bin in einer Zeit groß geworden, in der die Auseinandersetzung zwischen Kommunismus und Kapitalismus Deutschland in zwei Teile geteilt hat. Und auch wenn der existierende Kommunismus Fehlentwicklungen hatte, wurde durchaus offen darüber diskutiert, welches das bessere System war und eventuell auch auf wirklich dringende Fragen die besseren Antworten geben könnte. Schließlich hatte auch das kapitalistische System seine Fehler. In den Achtzigerjahren gab es Leute, die an sozialistische Ideen geglaubt haben und überzeugt waren, dass sie bisher nur nicht richtig umgesetzt wurden. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden diese Diskussionen erstickt und das kapitalistische System hat sich über ganz Europa ausgedehnt, ohne abzuwägen, welche Ideen aus dem Osten sinnvoll sein könnten. Mir schien es unglaubwürdig, dass man das einfach so beiseite fegen kann, da ja eine ganze Generation über Jahrzehnte kommunistisch sozialisiert wurde. Dieser ideologische Diskurs und sein Verschwinden sind auch unterschwellige Themen in der Sammlung.

Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher

Welche Entwicklungen der Gegenwart, in denen sich die Geschichte besonders zeigt, finden Sie in den künstlerischen Diskursen interessant? Wie tragen sie zum Verständnis über die europäische Integration bei?

NH: Auch wenn es reduktionistisch wäre, eine so diverse und ausgedehnte Region zusammenzufassen, gibt es doch ein Thema, das sich durch den ganzen Osten zieht: Die Auseinandersetzung mit der Transition vom Kommunismus in den Kapitalismus, dessen Folgen heute noch spürbar sind. Es gibt auch immer wieder Biografien von KünstlerInnen, die unter der Zensur der kommunistischen Systeme im Untergrund gearbeitet haben und die man erst allmählich „wiederentdeckt“ – und zwar auch durch die Rezeption jüngerer Kunstschaffender.

RS: Der ehemalige Machtbereich der Sowjetunion wird unter dem Begriff „Ostblock“ oft als zusammenhängendes Konglomerat betrachtet. Das wird der Realität der einzelnen Länder absolut nicht gerecht, denn die Länder Ost- und Südeuropas sind extrem unterschiedlich. Sie haben individuelle Geschichten und Entwicklungen durchgemacht. Auch in der Kunstgeschichte gibt es eine unglaubliche Breite an Einflüssen und stilistischen Ausprägungen. Vielleicht kann die Sammlung der Deutschen Telekom dazu beitragen, das zumindest in Teilen abzubilden. Im Westen wissen die meisten wenig über die historischen Hintergründe und aktuellen Entwicklungen, die jenseits des einstigen Eisernen Vorhangs passieren, obwohl sie für die Integration in einem größeren europäischen Kontext extrem wichtig sind. Die Umwandlungsprozesse von kommunistischen Machtstrukturen in einen manchmal unkontrollierten Kapitalismus, die Versuche Demokratien zu etablieren, die bisweilen zu scheitern drohen und in undemokratische Strukturen pervertieren – diese Entwicklungen begleitet die Kunst.

Würden Sie sagen, dass Kunst aus diesen Transitionsländern in ihrem politischen Ausdruck authentischer ist als westliche Kunst?

RS: Man merkt, dass die gesellschaftliche Realität in der einen oder anderen Form künstlerisch aufgegriffen wird. Und weil die KünstlerInnen sich in Gesellschaften bewegen, die sich in starken Umbrüchen befinden, ist die Arbeit politisch – und zwar nicht plakativ, sondern subtil und herausfordernd. Ihre Qualität zeichnet sich dadurch aus, dass die KünstlerInnen ihre Sujets unmittelbar erleben und kommentieren, reflektieren. Das ist eine lebensnahe, ehrlichere künstlerische Arbeit.

Wie wählen Sie Arbeiten für die Sammlung aus?

NH: Die narrative Qualität und der Inhalt sind uns wichtig. Ein Werk muss packen, egal ob es verstörend oder interessant oder schön ist. Wir unterstützen aber auch die lokalen Galeriesysteme, weil es wichtig ist, KünstlerInnen eine Infrastruktur und Möglichkeiten zu geben, Werke zu produzieren. Wir reisen regelmäßig in die Länder des Ostens und treten direkt mit den dortigen Szenen in Kontakt, sonst wäre ein authentischer Aufbau der Sammlung gar nicht möglich gewesen. Und so lernt man auch neue KünstlerInnen und Themen kennen.

Die Ausstellung "Keeping the Balance" mit Werken aus der Art Collection Telekom im Budapester Muzeúm Ludwig

Dabei betrachten Sie auch KünstlerInnen unterschiedlicher Generationen. Sehen Sie zwischen den Generationen einen Wandel im Blick auf die Transformation dieser Ländern? Braucht es eine gewisse Distanz, um sie überhaupt diskutieren zu können?

RS: Das ist natürlich ein bisschen von den Generationen abhängig. In der Art Collection Telekom sind einige KünstlerInnen vertreten, die schon in den Siebziger- und Achtzigerjahren gearbeitet haben, halbwegs geduldet, ein bisschen abseits vom offiziellen Betrieb. Dann gibt es diejenigen, die in der Zeit der Revolution erst angefangen haben, und eben die Leute, die in die neue Zeit hineingeboren wurden und die kommunistische Situation eher von Eltern und Großeltern kennen. In den ersten Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat sich mancherorts wirklich ein unkontrollierter Kapitalismus entwickelt und neue Fragen an die Machtstrukturen aufgeworfen. All das wird erst langsam aufgearbeitet und viele werden sich erst allmählich über die politischen und gesellschaftlichen Vorgänge bewusst, die sich nach dem Zusammenbruch des Kommunismus vollzogen haben.

NH: Ich glaube, diese Reflektion findet sehr, sehr langsam statt und die Rezeption in der Kunst ist vielleicht eine treibende Kraft dabei. Man merkt, dass Museen in vielen osteuropäischen Ländern wahnsinnige Schwierigkeiten haben die letzten 60 Jahre überhaupt irgendwie zu dokumentieren.

Das heißt, die historische Dimension der Transitionserfahrung wird in der Kunst erst noch kommen?

RS: Ich habe manchmal den Eindruck, dass es erst die nächste Generation auf das schaut, was passiert ist. Niemand beschäftigt sich gern mit seiner Vergangenheit, man freut sich lieber an der Gegenwart oder schaut in die Zukunft. Gerade in schwierigen Geschichten gibt es wohl nur wenige die sagen: Was haben wir alles für Mist gemacht oder was hatten wir nur für Träume? Das machen eher die Kinder mit Blick auf die Generation ihrer Eltern.

NH: Und das kann unter Umständen unter den Generationen ein äußerst schmerzhafter innerfamiliärer Prozess sein. Abgesehen davon sind viele Szenen noch von alten Künstlerunionen dominiert, die ein wahnsinnig konservatives Kunstverständnis haben und in einem totalen Gegensatz zu den jungen zeitgenössischen KünstlerInnenn stehen.

Auf welche Regionen schauen Sie gerade besonders? Welche Institutionen finden Sie besonders interessant?

RS: Georgien bleibt spannend, weil es irrsinnig dynamisch ist. Da gibt es zum Beispiel eine temporäre Kunsthalle Tbilisi. Derzeit natürlich auch Belarus mit den politischen Protesten. Dort herrscht eine komplett versteinerte Situation, die sich so nicht mehr halten kann. Auch die Ukraine ist für uns spannend. Die internationale Gemeinschaft hat viele dieser Länder vor ein Ultimatum gestellt entweder in die eine oder in die andere Richtung gehen zu müssen, in eine west-europäische oder eine russische. Das hat einige dieser Länder innerlich zerrissen, weil sie am Anfang einer Identitätssuche waren, aber das weltpolitische Gefüge ihnen eine unmittelbare Entscheidung aufzwingt.

NH: Die Sandwich Gallery ist ein toller Ort in Bukarest. Das Nationalmuseum in Tirana lässt gerade seine fantastische sozialistisch-realistische Sammlung von Adam Szymczyk neu hängen. Die Ў Gallery of Contemporary Art in Minsk ist auch toll. Das sind alles spannende Projekte, die auch im europäischen Kontext eigentlich viel mehr Beachtung verdienen.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Werke der Art Collection Telekom im östlichen Raum gezeigt werden?

NH: Viele Museen in osteuropäischen Ländern haben ein sehr kleines oder gar kein Ankaufsetat und sind national orientiert. Das Besondere an der Art Collection Telekom ist, dass sie eine Vielfalt besitzt, die für Museen dort interessant ist. Es ist uns wichtig, dass viele Leute die Werke sehen können. Deswegen arbeiten wir intensiv mit osteuropäischen Institutionen zusammen und realiseiren dort regelmäßig Ausstellungen.

Ist es nicht ein bisschen kolonialistisch gedacht, dass eine große deutsche Firma Werke in Ländern kauft, die selbst nicht kaufen können und kaum Sammlungsstruktur haben?

RS: Wir haben von Anfang an daran gedacht, wie problematisch es ist, dass ein Kunstwerk vor Ort gemacht wird, gesehen und diskutiert wird, und dann wird es einfach weggekauft. Deswegen hatten wir von Anfang an die Intention, die Arbeiten aus der Sammlung wieder in osteuropäischen Ländern zu zeigen. Gleichzeitig sind wir auch daran interessiert, dass man die Werke auch im anderen Ausland präsentiert, um auch aus den nationalen Grenzen auszubrechen und eine gewisse Interaktion zu schaffen. Die Sammlung der Deutschen Telekom ermöglicht einen Blick und Dialog über die Landesgrenzen hinweg, denn bei aller Unterschiedlichkeit gibt es doch eine geteilte moderne Geschichte.

Die Art Collection Telekom ist derzeit in Budapest im Muzeúm Ludwig zu sehen. Was wird gezeigt?

RS: “Keeping the Balance” ist eine sehr umfangreiche Ausstellung, die ein Drittel der Arbeiten aus der Art Collection Telekom zeigt. Es sind sehr viele Werke von Künstlerinnen, die sich mit dem Thema von Frauenrechten und Minderheiten auseinandersetzen. Was ist Schönheit, wie wird Schönheit definiert, wie wird Körperlichkeit definiert, wie sieht es aus mit häuslicher Gewalt gegen Frauen? Auf den ersten Blick sind viele der Arbeiten ästhetisch überzeugend, und wenn man sich auf sie einlässt, dann wird man merken, dass sie über die Schönheit hinaus relevante Geschichten aus der Gesellschaft, in der wir leben, erzählen.