Balkan Beats reloaded – der Sound der neuen Generation

Die neue Musik aus dem Balkan ist komplex und subversiv und hat die vielen kulturellen Einflüsse der Region in einen Sound gebracht.

Die neuen Balkan Beats sind eine Polyphonie. Eine Welle facettenreicher Sounds, die so komplex ist wie die vielen historischen Verflechtungen der Region, die Fragen von Identität und Abgrenzung aufwerfen. Der Zerfall des multiethnischen Habsburgerreichs, der Niedergang des Osmanischen Reichs und letztlich die Auflösung kommunistischer Regimes, haben die Vielfalt der lokalen Musik beeinflusst. Vom melancholischem Sevdah – einem traditionellen Genre der bosnischen Volksmusik – über den rasenden Sound des Turbo-Folks, quasi Volksmusik auf Steroiden, bis hin zum westlich inspirierten Synth-Pop und allem, was dazwischen liegt.

Einer der spannendsten Sounds der letzten Jahren entdeckt stammt vom Bukarester Label Future Nuggets. Seine EP der Band Raze de Soare wurde nach Albatros benannt, einer beliebten lokalen Band, die das Musikgenre Manele mit dem Klang sozialistischer Ghettos vermischt hat und einst der Sound des rumänischen Proletariats war.

LP Cover by Future Nuggets
Ähnlich wie albanisches Tallava, bulgarisches Chalga oder serbischer Turbo-Folk, ist rumänisches Manele ein Musikphänomen mit türkischen, arabischen und griechischen Einflüssen. Gespielt wird es von Roma-Musikern, die vor allem von der Hochzeitsindustrie leben. In den Achtziger- und Neunzigerjahren haben neue Bands den Mix aus traditionellen Instrumenten wie Akkordeon, Cembalo, Kontrabass und Geige nach und nach mit elektrischen Gitarren und Synthesizern verstärkt, wodurch ein sogenanntes „Proto-Manele“ entstand.
Als jedoch die Mittelschicht der Region wuchs und ihre sozialistische Vergangenheit abzuschütteln suchte, wurde das Genre verdrängt. Future Nuggets bereiten diesem vernachlässigten hybriden Genre eine Hommage durch ihre Fusion elektrisierter mittelöstlicher Klänge mit modernen psychedelischen Einflüssen. Es ist eine ungewöhnliche Mischung aus Melodien und Rhythmen und klingt doch seltsam vertraut. Das Label beschreibt den Sound als einen, der „mit einem Bewusstsein der Vergangenheit für Zeiten, die noch kommen gemacht ist, während wir durch eine Welt steuern, in der die Realität aus Fiktionen, Fragmenten und Gerüchten besteht, bestimmt von Namen ohne Körpern“.

Doch auch wenn Manele diese neue Generation von Musikproduzenten inspiriert, wird es nach wie vor es wegen der bestehenden Vorurteile gegen Roma und gesellschaftlichen Randgruppen vom rumänischen Mainstream marginalisiert.

In den vergangenen Jahren waren Manele-Künstler wie Florin Salam nur erfolgreich, weil sie ihren Sound „verwestlicht“ haben und kommerziellen US-inspirierten Pop untermischten, was den Spirit und Groove der Musik reduzierte. Und dennoch bleibt Musik ein Dokument für die Zirkularität von Kreativität, in der Vergangenheit und Zukunft in stetigem, unverhersehbaren Wandel in eine kaleidoskopartige Unschärfe verschmelzen.

Mehr als sonst irgendwo im Balkan feiert der Kosovo seine Musik, und generiert, egal ob Folk oder Pop, immer wieder internationale Stars. Jenseits der strahlenden Megabühnen von Popprinzessinnen wie Dua Lipa, Rita Ora und Bebe Rexha, pulsiert die kosovarische Hauptstadt Priština zu den Rhythmen einer gut vernetzten Underground-Szene. Junge, unabhängige und gut organisierte Initiativen nähren eine subversive Kultur, die die Dominanz patriarchale Strukturen und die damit einhergehende politische Instabilität des Landes in Frage stellt.

Für Aktivistin und DJ Oda Haliti begann ihre Politisierung damit, im „Gegë“, einer Bar, die sie in ihren frühen Zwanzigern kaufte, und in der sie Drinks servierte und Musikevents zu organisierte. Mittlerweile spielt sie ihren kantigen Stil und ihre genre-übergreifenden Sets aus experimentellem Acid Disco und Techno auf internationalen Bühnen. „Nachdem ich jahrelang das Feminist Festival im Kosovo mitorganisiert habe, bringe ich meinen Aktivismus nun durch meine Musik zum Ausdruck. Ich finde, es ist das beste Medium zum Protestieren – ein ausdrucksstarker Weg sich sozialen, politischen und individuellen Angelegenheiten auseinanderzusetzen“, erklärt Haliti.

DJ Oda Haliti © Ash O'Neil

Auch wenn diese neue elektronische Welle noch nicht bei der internationalen Soundcloud-Hörerschaft angekommen ist, wird sie als regionales Phänomen immer größer. Ihr genreübergreifende Charakter ist der prekären Geschichte dieses Teils der Welt geschuldet,  eng verwoben mit den Unbilden ethnischer und territorialer Konflikte. Die junge Generation besetzt trotz allem unbeirrt neue akustische Territorien, die sich zwischen kulturellen und geografischen Grenzen bewegen und unterschiedliche Erfahrungen zu einer treibenden Kraft vereinen.

Impressions from a performance by Zagreb-based band Nipplepeople © Nipplepeople
Impressions from a performance by Zagreb-based band Nipplepeople © Nipplepeople

Auch die kroatische Hauptstadt Zagreb zeigt, wie der Balkan seine musikalische Identität neu erfindet, die lange auf traditionelle Volksmusik reduziert wurde. So ist der Sound der Elektro-Pop-Band Nipplepeople aus Zagreb ein Mix aus urbanen Soundscapes und Referenzen an den kroatischen Pop der Achtziger. Ihre Single „Frka“ setzt einen Hit von Rocksängerin und Jazzlegende Zdenka Kovacicek neu zusammen; das beliebte Label Low Income Squad bringt experimentelle Elemente unter ein elektronisches Dach. Die Gründer Strahinja Arbutina und Filip Sčekić über die vorherrschende Stimmung: „Wir glauben, dass jeder Produzent in Zagreb auf eigene Faust handelt. Als Label fühlen wir uns nicht verpflichtet, größeren Konzepten nachzueifern. Wir bleiben lieber in der Grauzone.“

Diese Einstellung ist weit verbreitet. Asena Hayal, Gründerin des Istanbul Comics and Art Festival (ICAF), unterstützt lokale Live-Bands seit 2016. Punk-, Rap-, und Rockbands gibt sie eine wohlkuratierte Bühne. Mit von der Partie waren unter anderem schon Rashit, seit den Neunzigern die erste offizielle Punkband der Türkei, sowie The Ringo Jets, deren harte und hypnotisierende Mischung aus Gitarren und Drums die Band als Pioniere einer neuen Rock-Generation ankündigt. Seit den Unruhen in Istanbul haben viele Festivals eine zusätzliche Rolle als politische Plattform im öffentlichen Raum eingenommen. „Eine Kultur des Rock’n’Roll haben wir hier nicht“, sagen The Ringo Jets. „Bei türkischer Musik erwarten viele Nahostklänge, Geigen und Balalaikas.“ Die Musik der Ringo Jets, die sich diesem Klischee widersetzt, schlägt bereits erste Wellen in Europa. Es wird nicht die erste neue Musikwelle bleiben, die uns aus dem weiten Osten erwartet.

In unserer „Balkan New Wave“ Playlist kann man in den neuen Sound eintauchen.

Rafaela Kaćunić und Nina Vukelić sind die Gründerinnen und Chefredakteurinnen des THIS IS BADLAND Magazins, das halbjährlich erscheint und sich Kunst, Design und Kultur aus dem Balkan widmet.