Bewegte Grenzen – Der Kunstmarkt in Zentral- und Osteuropa

Mit neuen Initiativen bringen Galerien und Sammler den „Neuen Osten“ auf das internationale Kunstradar.

In einem Umfeld, das noch immer von anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen postsowjetischer Transformation geprägt ist, stehen Kunst und Kultur wohl nicht an erster Stelle der Prioritätenliste. Aber nach Jahrzehnten der Abgrenzung hinter dem Eisernen Vorhang gewinnen viele Länder Zentral- und Osteuropas auf dem internationalen Kunstmarkt an Sichtbarkeit.

In den vergangenen Jahren haben sich Namen wie Marina Abramović, Adrian Ghenie oder Anri Sala international etabliert. Abseits dieser Blue-Chip-Künstler, die sich entkoppelt von ihren nationalen Grenzen bewegen, stellt sich trotzdem die Frage, wie es um den Kunstmarkt im Neuen Osten steht. Der Kunstmarkt Zentral- und Osteuropas existiert – und er wächst. Aber diese Region mit den Märkten des Westens zu vergleichen wäre wie „Äpfel und Birnen zu vergleichen“, sagt Camille Hunt, Mitbegründerin der Prager Galerie hunt kastner.

© SUMO Prague 2020

Auch andere Galeristenund Sammler aus der Region teilen diese Auffassung. Immerhin ist der „Neue Osten“ zu groß und zu vielfältig, um ihn über einen Kamm zu scheren. Zu Sowjetzeiten wurden er als Ostblock zusammengefasst, historisch aber haben sich die Grenzen zwischen den Ländern des Ostens immer wieder verschoben. So verschwand etwa das heutige Polen bisweilen über hundert Jahre von der Landkarte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1989 waren die osteuropäischen Länder bestrebt, ihre originären nationalen Identitäten mit Blick auf die eigenen Geschichten zu stärken. Jedes Land betonte seine jeweils einzigartigen Mentalitäten, Bräuche und kulturellen Werte. Das wirkt sich schließlich auch auf den Kunstmarkt aus.

„Es gibt zwar einen Kunstmarkt in dieser Region, aber abgesehen davon hat jedes Land seinen eigenen Markt“, sagen die Sammler Katalin Spengler und Zsolt Somlói. In der Sammlung des Paares sind vor allem osteuropäische Positionen vertreten, darüber hinaus aber auch internationale zeitgenössische Künstler. „Es gibt nicht viele wie uns“, sagen sie, „denn in der Regel sammeln polnische Sammler polnische Kunst, tschechische Sammler sammeln tschechische Kunst, ungarische Sammler ungarische Kunst. Oder sie kaufen ausschließlich große internationale Namen.”

A tour at Prague's SUMO © SUMO
Trotzdem entwickeln sich in den Städten Budapest, Prag und Warschau gerade Szenen zeitgenössischer Kunst wie man sie aus Berlin oder Wien kennt. Es etablieren sich Galerien, die international arbeiten, Institutionen erkennen den Wert zeitgenössischer Kunst und präsentieren sie entsprechend, auch wenn ihr Ankaufsetat begrenzt ist. Auch die Zahl der Sammler, die sich mit dem globalen Kunstmarkt auseinandersetzen wächst zusehends.

Galerien aus diesen Städten nehmen an den großen Kunstmessen teil, um ihre Künstler einem internationalen Publikum vorzustellen. Aber über den Eintritt in diesen sogenannten „westlichen“ Markt hinaus wird auch der eigene Standort gefördert. Galerie-Initiativen wie SUMO in Prag oder Friend of a Friend in Warschau bringen Kuratoren und Kritiker in ihre Städte und vernetzen sich, auch angesichts der Reisebeschränkungen in diesem Jahr, immer stärker lokal.

So zeigt die Warschauer Messe NOT FAIR, die nur polnische Galerien zeigt und  von Marta Kołakowska von der Galeria Leto und Michał Woliński von Piktogramcon organisiert wird, zum ersten Mal mit Polens führendem Auktionshaus DESA Unicum zusammen.

„Der Markt in Polen ist noch relativ jung. Auktionshäuser gibt es erst seit 25 bis 30 Jahren, Galerien wie meine seit 10 bis 15 Jahren“, erzählt Kołakowska. „Das Wissen über die Unterschiede von Primär- und Sekundärmärkten ist nicht besonders ausgeprägt. Sammler, die auf dem Sekundärmarkt kaufen, wissen mitunter gar nicht, warum ein bestimmter Künstler so wichtig und der Preis für ihn so hoch ist. Zum Teil wissen sie nicht einmal, dass es so etwas wie Galerien gibt.“ Die Partnerschaft mit DESA Unicum soll helfen, dieses Defizit zu beheben und zugleich den Primärmarkt für Galerien langfristig durch ein besseres Verständnis für die Dynamik zeitgenössischer Kunst zu stärken.

An artwork by Teresa Tyszkiewicz at this year's NOT FAIR © NOT FAIR

Hans Knoll, der seit den achtziger Jahren Galerien in Wien und Budapest betreibt, betont die Notwendigkeit eines solchen Verständnisses: „In vielen Ländern stehen die Menschen zeitgenössischer Kunst noch immer zögerlich gegenüber, auch wegen der politischen Rolle der Kunst in der Vergangenheit“, sagt er. „Galerien müssen daran arbeiten Menschen und sogar Institutionen eine größere Wertschätzung zu vermitteln.”

Genauso wichtig wie die gesellschaftliche Anerkennung ist die Weiterbildung von Sammlern. „Die Rolle von Sammlern ist in diesen Ländern sehr, sehr wichtig” erzählt Knoll. „Öffentliche Institutionen haben ein begrenztes Budget, sodass die besten Sammlungen zeitgenössischer Kunst im privaten Raum entstehen. Mittlerweile sind Sammler oft viel besser mit der internationalen Szene vernetzt als Vertreter öffentlicher Museen.”

Die Präsenz osteuropäischer Galerien auf internationalen Messen und ihre Verbindung mit der internationalen Kunstszene lag lange in diesem regionalen Defizit begründet. Katherine Kastner erzählt etwa, dass ihre Galerie hunt kasnter eine internationale Ausrichtung hatte, weil die Tschechische Republik „eine einzige Wüste“ war, als sie sie 2006 mit ihrer Partnerin eröffnete. Aber mit Initiativen wie SUMO bauen die Prager Galerien Verbindungen zwischen dem regionalen und dem internationalen, zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum. Durch den Austausch mit Galerien aus anderen europäischen Städten – in diesem Jahr war es Berlin – wollen die Prager einen Dialog mit benachbarten Ländern und internationalen Medien schaffen.

Ausstellungsansicht viennacontemporary in der Marx Halle © viennacontemporary

Während Warschau, Prag und Budapest gerade den Weg für einen überregionalen Kunstmarkt bereiten, lohnt sich auch ein Blick auf andere Gegenden des Ostens, die gerade aufblühen. Das etwa Baltikum erarbeitet sich mit Institutionen wie der Riga Biennal und ArtVilnius, und Gallerien wie Māksla XO, Alma, und Temnikova & Kasela einen internationalen Ruf. Weitere Hubs entwickeln sich in Zagreb, Tiflis und Belgrad, berichtet Johanna Chromik. Als künstlerische Leiterin der viennacontemporary, die sich auf die Vernetzung von Zentral- und Osteuropa mit dem Westen ausgerichtet hat, hat sie in den letzten Jahren viele Einblicke in die Entwicklung und Vernetzung der Kunstzentren aus der Region gewonnen.

Mit Blick auf das Engagement der Galerien und Institutionen des neuen Ostens – gerade im Kontext der aktuellen Pandemie – läuft alles auf eine regionale Konvergenz hinaus, denn Kollaboration und Mediation, bedeutet am Ende gemeinsames Wachstum. „Unsere Galerie hat sich bislang auf die Vereinigten Staaten und Lateinamerika konzentriert, weil wir dort an Kunstmessen teilgenehmen. Aber Europa ist unsere Heimat. Wir sollten uns darum bemühen, uns hier auszutauschen“, sagt die Galeristin Marta Kołakowsk. „Wir reden alle gerne, aber es ist noch viel schöner, wenn Worten auch Taten folgen.“

View at Michal Borowik's collection © Michal Borowik

Der polnische Sammler Michał Borowik resümiert: „Der zentral- und osteuropäische Kunstmarkt ist unbestreitbar da, aber er ist reif für neue Entdeckungen und Entwicklungen“.

Emily McDermott schreibt über Kunst und Kultur, unter anderem bei ArtReview, Frieze, New York Magazines Vulture, W Magazine und Wallpaper*. Sie arbeitet außerdem an redaktionellen Projekten für Institutionen wie Spike Art Magazine, David Chipperfield Architects, und SAVVY Contemporary mit.