Frischer Wind aus Nordosten – wie baltische Institutionen die Kunstwelt aufmischen

Versteckt zwischen Skandinavien, Russland und Osteuropa spielte das Baltikum auf der kulturellen Landkarte Europas lange kaum eine Rolle. Aber seit zehn Jahrenin denn wächst in Estland, Lettland und Litauen beinahe unbemerkt eine aufregende junge Kunstszene heran, die sich ein globales Netzwerk und starke Institutionen aufbaut.

Anne Katrine Senstads Installation "Radical Light" in Zusammenarbeit JG Thirlwell im Kai Art Center © Renee Altrov

Künstler und Künstlerinnen wie Kris Lemsalu, Pakui Hardware, Indrė Šerpytytė, Eglė Budvytytė, Katja Novitskova und das Duo Young Girl Reading Group werden schon lange von Kritikern wie Kuratoren gleichermaßen gepriesen und sind auch an internationalen Institutionen zusehends präsenter.

Bei Ralph Rugoffs Biennale in Venedig war Augustas Serapinas 2019 schon der jüngste Künstler, und als dann noch der litauische Pavillon mit einer unvergesslichen Präsentation von Lina Lapelytė, Rugilė Barzdžiukaitė und Vaiva Grainytė den Goldenen Löwen gewann, ließ die Welt dem Baltikum endlich ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen.

Eine ganze Reihe internationaler Veranstaltungen zieht Vertreter der Kunstszene in die Region, Mit dem KAI Art Center in Tallinn, das 2019 eröffnet wurde, und dem von Daniel Libeskind entworfenen MO Modern Art Museum in Vilnius, das ein Jahr zuvor eingeweiht wurde, ist auch die baltische Museumslandschaft gewachsen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks sind die politischen und wirtschaftlichen Umstände in den baltischen Ländern relativ stabil – sogar vor rechtspopulistischen Tendenzen sind sie weitgehend verschont geblieben. Die neue Generation von Künstlern und Kuratoren sind zwar größtenteils in der post-sowjetischen Zeit aufgewachsen, haben aber oft im Ausland studiert oder gearbeitet und bringen internationale Perspektiven und Netzwerke zurück, die das lokale künstlerische Schaffen beeinflussen.

All das wurde durch den Anschluss Estlands, Lettlands und Litauens an die Europäische Union im Jahr 2004 sowohl durch die Marktdurchlässigkeit als auch durch den Zugang zu kulturellen Finanzmitteln noch mehr begünstigt. Der frische Wind, der durch das Baltikum weht, zeigt sich vor allem in seinen öffentlichen und privaten Institutionen, und an den Biennalen und Veranstaltungen. Einige davon sollten unbedingt auf den internationalen Kunstkalender:

© CAC/ Baltic Triennale
© CAC/ Baltic Triennale
© CAC/ Baltic Triennale

Die Baltic Triennial, Litauen

Die Baltic Triennial wurde noch zu Sowjet-Zeiten in den Siebzigerjahren gegründet. Sie wird von der CAC in Vilnius organisiert, der größten Instiution für zeitgenössische Kunst im Baltikum, und hat den Wandel zu einem dynamischen internationales Format geschafft. 2018 wurde die Triennale unter der Ägide von Vincent Honoré in alle drei baltischen Länder getragen.

Die 14. Edition wird voraussichtlich 2021 stattfinden und von João Laia geleitet, dem Chefkurator des Kiasma Museum of Contemporary Art in Helsinki, zusammen mitvon Valentinas Klimašauskas, dem ehemaligen Programmdirektor des renommierten Kim? Contemporary Art Center in Riga, der mit Inga Lâce den lettischen Pavillon der Biennale 2019 kuratiert hat. Das kuratorische Konzept und die Künstlerliste stehen zwar noch nicht fest, aber das Kuratoren-Duo verspricht ein spannendes Programm.

Performance "Household Gods (Aspazija)" by Oliver Beer at Riga Biennale © RIBOCA

Riga Biennal RIBOCA, Lettland

Die RIBOCA wurde erst 2016 von Agniya Mirgorodskaya ins Leben gerufen – mit dem Ziel, neue Nachhaltigkeitsstandards für europäische Biennalen zu etablieren. Nach der ersten, von Katerina Gregos kuratierten Edition wird bis zum 13. September 2020 die zweite Riga Biennale unter der künstlerischen Leitung von Rebecca Lamarche-Vadel gezeigt.

Drei Wochen lang wird der Hafen des post-industriellen Andrejsala-Areals mit Themen wie Klimawandel, Turbokapitalismus und Grundrechten bespielt. Die Ausstellung mit dem Titel „and suddenly it all blossoms“ ist diskurs-orientiert und anregend, ohne belehrend zu wirken, und hat Kritiker in einem aufgrund der Pandemie eher kunstarmen Sommer zum Schwärmen gebracht. Unter der Regie des preisgekrönten lettischen Filmemachers Dāvis Sīmanis Jr. und mit einem Drehbuch der Kuratorin wird die Biennale in einem poetischen, wenngleich dystopischen Filme interpretiert, der nächstes Jahr anlaufen soll.

© Aron Urb

Kai Art Center, Tallinn, Estonia

Verglichen mit dem etwas etablierteren Estonian Centre for Contemporary Art und der Kunsthalle Tallinn, die Estland auf den internationalen Kunstradar katapultiert haben, ist das Kai Art Center ein Neuling in der Szene. Das Kunstzentrum liegt in einem einst geheimen U-Boot-Werk und ist heute Herzstück eines neuen Kulturhubs, in dem ein Stück baltische Geschichte in der Architektur nachhallt. Das Kai Art Center zeigt dem heimischen Publikum nicht nur estnische, sondern auch internationale zeitgenössische Künstler. Es kuratiert einige der interessantesten Ausstellungen des Landes und baut ein Netzwerk zu internationalen Institutionen auf. Derzeit wird ein gemeinsames Projekt von Kris Lemsalu und Kyp Malone gezeigt, das zuvor in den Kunst-Werken Berlin zu sehen war.

Reisdence at Rupert © Rupert

Rupert, Vilnius, Lithuania

Als unabhängiges Kunstzentrum mit einem weltbekannten Residency-Programm pflegt das Rupert ein internationales Profil durch kompromisslose Ausstellungen, Diskussionen und eine interdisziplinäre Bildungsplattform. Die Residency in den Studios, die vom preisgekrönten Architekten Audrius Ambrasas entworfen wurden, zieht Künstler, Kuratoren und Autoren aus der ganzen Welt in den ruhigen, litauischen Wald. Zwar hat die Pandemie einen Strich durch das diesjährige Ausstellungsprogramm gemacht, aber seit August wird ein alternatives Präsentationsformat mit Lesungen, Diskussionen und Open Studios angeboten.

All diese Orte verdienen zwar für sich genommen schon Aufmerksamkeit, doch gerade ihr Zusammenwirken hat dem Baltikum zu internationalem Profil verholfen. Durch die Vielfältigkeit der Sujets und Medien entziehen sich die baltischen Künstler einer Einordnung in Schubladen nationaler Identitäten. In einer Zeit, die von einer Tendenz zum Tribalismus geprägt ist, ist das nicht nur erfrischend universell, sondern letztlich sogar unabdingbar .

Hili Perlson schreibt über Kunst und unterrichtet Schreiben. Sie war Europa-Redakteurin für artnet News und hat unter anderem für Artforum, The Financial Times, The New York Times, Vogue.com, Zoo Magazine  und diverse Kunstkataloge geschrieben.