Johanna Chromik: Jetzt ist die Zeit für Solidarität

Johanna Chromik, künstlerische Leiterin der viennacontemporary, erzählt im Gespräch von den Chancen der aktuellen Situation und warum es gerade jetzt wichtig ist die Kunst und ihre Infrastruktur zu unterstützen.

Du bist erst Anfang letzten Jahres für die künstlerische Leitung der viennacontemporary nach Wien gezogen. Wie siehst Du die Stadt?

Wien ist wirklich ein verstecktes Juwel! Es tut sich gerade wahnsinnig viel in der Kunstszene. Die Dichte von Off-Spaces, Institutionen und Galerien ist unvergleichlich für eine Stadt dieser Größe. Im Zusammenspiel mit den Akademien ist das ein Tummelplatz kreativer Energien, die eine Szene schaffen, die unglaublich aktiv und agil ist. Sowohl die arrivierten Galerien als auch die jüngeren Galerien, von denen viele erst in den letzten fünf Jahren gegründet wurden, arbeiten auf höchstem internationalen Niveau. All diese verschiedenen Impulse aus etablierten und neu erwachsenden Akteuren bringen eine fantastische Energie in die Stadt, die noch viel mehr Aufmerksamkeit verdienen sollte.

Johanna Chromik, künstlerische Leiterin der viennacontemporary © Kristina Kulakova

Wie zeigt sich das auf der Messe?

Die etablierten Galerien zeigen auf der Messe, aber gleichzeitig ist die junge Szene sehr präsent. Das sehen wir vor allem in der ZONE1, in diesem Jahr von Cathrin Mayer kuratiert, in der acht junge KünstlerInnen mit Bezug zu Österreich Einzelausstellungen präsentieren. Das sind sehr starke, pointierte Formate, auf die ich mich unglaublich freue. Zum zweiten Mal wirft unser Bereich Explorations auch einen Blick auf KünstlerInnen zwischen 1945 und 1990. Über den kommerziellen Rahmen einer Messe hinaus, eröffnen wir hier eine kunsthistorische Perspektive auf KünstlerInnen, vor allem aus dem ost- und zentraleuropäischen Raum, die eine historische Qualität haben und mehr Aufmerksamkeit verdienen. Für Galerien ist die Einzelpräsentation von KünstlerInnen oft eine größere Herausforderung, aber gleichzeitig weiß das Publikum das sehr zu schätzen.

Digitales und Physisches Erlebnis werden in Zukunft bei der Hand in Hand gehen. © kunst-dokumentation.com

Ihr gehört zu den wenigen Messen, die in diesem Jahr auch physisch stattfinden. Wo liegt die Verantwortung einer Kunstmesse in diesen Zeiten?

Es ist wichtiger denn je, da zu sein. Wir haben sehr früh die Entscheidung gefällt, die Messe auf dem Hintergrund eines starken Sicherheitskonzepts wirklich stattfinden zu lassen – gerade weil Kunstevents und Messen verschoben und abgesagt wurden. Für KünstlerInnen und Galerien ist es gleichermaßen wichtig, eine kommerzielle Infrastruktur zu haben. Die Galerien tragen sehr viel dazu bei, dass KünstlerInnen ihre Arbeit machen können. Und als Messe wollten wir für unsere PartnerInnen da sein – gemeinsam mit den teilnehmenden Galerien, unseren Partnerinstitutionen und PartnerInnen setzen wir ein Zeichen für den Kunststandort Wien.

Und wie lässt sich derzeit überhaupt eine Messe realisieren?

So wie wir auch unser Leben in diesen Zeiten leben. Die Entwicklungen ändern sich gerade von einer Woche auf die andere, manchmal von einem Tag auf den anderen. Da muss man eben konstant suchen, bisweilen auch improvisieren, zusammenarbeiten und sich auf reflexive, kreative Lösungen einlassen. Die viennacontemporary hat ein solides Fundament und ein rundes Profil über das wir uns glücklich schätzen können. Und mit diesem Fundament arbeiten wir in einem Format, das im Fluss ist und – mit Rücksicht auf Hygiene-Vorkehrungen – flexibel auf die aktuellen Entwicklungen reagiert. Durch die neuen Faktoren sind auch neue Formate und Kollaborationen im Kontext der Messe entstanden, die gut sind und in Zukunft weiter ausgebaut werden können und sollen.

Gianni Manhattan bei der ZONE1, viennacontemporary: Laurence Sturla, At The Plateau, 2019

Die viennacontemporary legt als wohl einzige Messe einen Fokus auf Ost-, Süd- und Zentraleuropa. Was macht diese Regionen besonders interessant?

Es wäre reduktionistisch die vielen Länder dieser sehr unterschiedlichen Regionen über einen Kamm zu scheren. Viele dieser Länder werden noch in der komplett überholten Kategorie postsozialistischer Länder gedacht. Das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Viele dieser Länder sind schon viel weiter als westeuropäische Klischees sie sehen. Und diesen Entwicklungen sollte man Platz geben, ohne, dass die sehr dominanten etablierten Märkte sie überschatten. Dazu kommt, dass die politischen Umbrüche sehr viel intensiver sind als in vielen anderen Ländern Europas. Und das reflektiert auf sehr eingehende Weise eben auch die Kunst, die in diesen Kontexten entsteht.

Wo siehst Du generell neue Eruptionen in Kunst und Kultur?

Es gibt so viele Orte, die man gerade entdecken kann. Warschau hat eine vergleichsweise arrivierte Szene, die gleichzeitig beständig und lebendig ist, und die sich verändert. Auch Prag und Budapest sind auf derselben Höhe mit unglaublich guten Galerien. In Belgrad wiederum gibt es eine jüngere Szene, die gerade aufblüht. Auch in Riga, Tallinn und Vilnius gibt es einen Umbruch, da entstehen gerade wahnsinnig viele Off-Spaces, Museen und Initiativen von Seite der Galerien. Tiflis hat schon in den vergangenen Jahren von sich hören gemacht, aber Städte wie Belgrad und Tirana verdienen genauso viel Aufmerksamkeit. Es bräuchte eine umfangreiche Europa-Tour um überhaupt einen Überblick zu bekommen.

Welche Impulse geben Galerien aus diesen Ländern der viennacontemporary?

Diese vielen Länder sind in sich unterschiedlich und haben ihre jeweils ganz eigene Geschichte und kulturelle Prägung. Nichtsdestotrotz geben sie der Messe ein Charakteristikum, das unser Profil schärft. Die Galerien aus Ost-, Süd- und Zentraleuropa haben beständig Positionen gebracht, die auch historische Qualität haben. Daraus ist zum Beispiel auch die Idee für die genannten Explorations entstanden. Auch durch die äußeren Umstände wollen wir diese Region stärken. Da gibt es in Zukunft so viel zu entdecken, so viel kulturellen Reichtum zu ergründen, der vielleicht nicht so bekannt ist, wie er sein sollte. Und das machen wir auch mit unserer Online-Erweiterung vc_on und dem Magazin on central east.

Galerie Georg Karl bei der ZONE1, viennacontemporary: Rosa Rendl, Romance, 2015

Welche Chancen liegen trotz aller Herausforderungen in der gegenwärtigen Situation?

Natürlich sind die Einschränkungen für viele KünstlerInnen und Institutionen tragisch. Aber sie haben uns Zeit gegeben und dazu gezwungen, darüber zu reflektieren, was wir brauchen, wie wir leben, wie wir arbeiten wollen. Es haben sich viele experimentelle Felder und Initiativen im Digitalen entwickelt. Das wird uns weiter begleiten. Die Kunstwelt war etwas hinterher in der digitalen Entwicklung und die Pandemie hat dazu beigetragen, dass wir aufgeholt haben. Das Physische und Digitale werden auch zukünftig in der Kunst Hand in Hand gehen. Zusammenarbeit, auch unter den Institutionen, bleibt wichtig. Auch Teile der viennacontemporary werden jetzt online gespielt, damit diejenigen, die nicht da sein können, mit den Galerien in Kontakt treten und sehen können, was sie nach Wien bringen und es kaufen können. Über di Messe hinaus wollen wir das ganze Jahr über mit Kollaborationen Impulse geben. Auf partnerschaftlicher Ebene kann man viel mehr machen, um gemeinsam durchgängig präsent und greifbar zu werden.

Warum sollte man vor allem jetzt in Kunst investieren?

Während des Lockdowns hat man doch gemerkt, dass man Kunst braucht. Ich will gar nicht die notwendige Infrastruktur, die sogenannten systemrelevanten Bereiche infrage stellen – aber was hätten wir alle in unseren vier Wänden ohne Kultur gemacht? Was hätten wir ohne Musik oder Literatur oder eben Kunst gemacht? Das hat uns wieder vor Augen geführt, wie Kunst und Kultur sind. Sie ist nicht nur intellektueller Impuls, sondern sie können auch Spaß machen und eine soziale Bereicherung sein. Deswegen ist genau jetzt die Zeit, um Solidarität zu zeigen und die KünstlerInnen und all diejenigen, die Kunst am Leben halten, zu unterstützen. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt um damit anzufangen.

Welche Entdeckungen hast denn Du dieses Jahr im Kulturbereich gemacht?

Die in Wien zu Beginn des Lockdowns gestartete Online-Initiative not cancelled, die weiterläuft und mittlerweile digital viele internationale Ort besucht hat; galleryplatform.la. Und im wahren Leben: wie gut Soft Openings sein können; das neue Haus Wien Projekt, das gerade läuft; die SUMO Initiative in Prag. 

VIDEOS bei der viennacontemporary © kunst-dokumentation.com