Kunst sammeln mit Z-Series-Kuratorin Francesca Gavin

Francesca Gavin ist ein echter Tausendsassa der Kunst. Sie hat The Historical Exhibition auf der Manifesta11 mitkuratiert und internationale Ausstellungen für Institutionen wie das Palais de Tokyo, das Somerset House oder das MU erarbeitet. Außerdem ist sie Gastgeberin ihrer eigenen monatlichen Show „Rough Version“ auf NTS Radio und hat sechs Bücher über Kunst geschrieben. Als Kunstkritikerin und Autorin blickt sie auf eine schier endlose Publikationsliste, auf der Magazine wie 032c, AnOther Magazine, Dazed, Artsy, Nowness oder die How to Spend it der Financial Times stehen.

Als Kuratorin der Soho-House-Gruppe hat Francesca über sieben Jahre eine Kunstsammlung aufgebaut, die mittlerweile mehrere Millionen Euro wert ist und deren Werke in den Clubs überall auf der Welt ausgestellt werden. Mit uns spricht sie darüber, wie man zu sammeln anfängt und zeigt uns ihre Lieblingskünstler der Z-Series, der exklusiven Online-Selektion junger Positionen der Online-Plattform vc_on von viennacontemporary.

Wie fängt man mit einer Kunstsammlung am besten an?

Indem man seiner Intuition vertraut. Man sollte ein Kunstwerk finden, zu dem man auf emotionaler Ebene eine Verbindung herstellen kann. Es sollte etwas sein, das zum Denken anregt, ästhetisch ansprechend ist, oder einem das Gefühl gibt, mehr erfahren zu wollen. Kunst zu sammeln ist wie eine Geschichte, die sich mit der Zeit entwickelt. Wenn man mit einem Kunstwerk lebt, wird man immer wieder neue Dinge darin sehen. Deshalb sollte man in Werke investieren, die komplex sind und das Gefühl vermitteln, dass es in ihnen immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt.

Sollten unerfahrene SammlerInnen einem bestimmten Ansatz, einem System folgen?

Nein. Manche Menschen haben ein System hinter ihren Sammlungen und sammeln etwa nur weibliche Künstlerinnen oder Künstler aus einem Land oder einer bestimmten Zeit. Aber ich finde, am Anfang solltest du man sich nicht einschränken. Es ist erstmal wichtiger, vom eigentlichen Prozess zu lernen und sich zu fragen, warum etwas Bestimmtes interessant ist. Dann gilt es zu bestimmen, was dieses warum ist und wie viel mehr man über dieses warum herausfinden kann. Und wenn dann die Welt durch diesen Prozess spannender und schöner wird, ist das ein wirklich guter Anfang. Ich denke, die Richtung deiner Sammlung ergibt sich mit der Zeit, wenn man herausfindet, was einen wirklich packt.

Und trotzdem scheint es ja immer mehr SammlerInnen zu geben, die einen regionalen Fokus haben.

In vielen sogenannten Schwellenländern gibt es eine wachsende Zahl an SammlerInnen, die Werke von lokalen KünstlerInnen kaufen. Das ist eine gute Möglichkeit, um mit der Szene vor Ort einzutauchen und sich direkt mit KünstlerInnen auszutauschen. Gerade bieten sich spannende Möglichkeiten, Kunst aus bestimmten Orten zu sammeln, weil sie soziale und politische Bewegungen reflektieren kann. Ich glaube auch, dass wir gerade eine Verschiebung erleben – weg von der großen internationalen Perspektive hin zu lokaleren, letztlich intimeren Positionen.

Drawing by Assunta Abdel Azim Mohame, Courtesy of Galerie Ernst Hilger

Wie sensibilisiere ich mich für zeitgenössische Kunst wenn sie für mich ein ganz neues Terrain ist?

Es ist wichtig, seiner Intuition zu folgen, aber gleichzeitig sollte man sich bemühen zu lernen. Das fängt ganz einfach bei der Online-Recherche an, in Kunst-Publikationen und auf den Webseiten von Institutionen, Gallerien, KünstlerInnen. Sehr wahrscheinlich gibt es im Internet Interviews, in denen KünstlerInnen über ihre Arbeit sprechen. Ein guter Ausgangspunkt ist natürlich auch, möglichst viele Ausstellungen zu besuchen. So findet man heraus, was es da draussen überhaupt alles gibt. Man sollte zu Biennalen und Museen und sich auch nicht davor scheuen, in Gallerien zu gehen, selbst wenn sie einschüchternd und elitär wirken. Das sind sie nämlich eigentlich nicht. Gallerien haben oft sehr viele Informationen über die KünstlerInnen, eben weil sie in direktem Kontakt mit ihnen stehen. Sie reden gerne über ihre KünstlerInnen und geben Einblick ins Werk. Je mehr Ausstellungen man sieht, desto mehr schärft man seinen Blick und versteht, wie viele Möglichkeiten die Kunst bietet. Was interessant ist, findet sich in irgendeiner Weise thematisch auch in der zeitgenössischen Kunst. Was immer in Zeitungen und im Internet steht, über den Körper, über Schönheit, Feminismus, Philosophie oder Politik – all diese Dinge tauchen auch in der Kunst auf. Egal was einen interessiert, in Kunstwerken wird es reflektiert.

Worauf muss ich achten, wenn ich mich zum Kauf eines Kunstwerks entscheide?

Ich persönlich achte als allererstes auf Originalität. Es spricht mich an, wenn jemand etwas ganz Eigenes macht. Wenn man sich für eine bestimmte Künstlerin oder einen Künstler interessiert, sollte man sich den Lebenslauf anschauen und herausfinden, wo sie oder er ausstellt. Wenn jemand gerade relativ viele Ausstellungen macht, ist das wahrscheinlich ein guter Zeitpunkt, um eine Verbindung zu dessen Arbeit aufzubauen. Und dann verfolgt man eben die Karriere – jemandem dabei zuzusehen, wie er oder sie immer größer wird, ist Teil des ganzen Spaßes. Ich finde es sehr wichtig, Arbeiten auszuwählen, die den Stil der Künstlerin oder des Künstlers wirklich abbilden. Ist eine Arbeit wirklich typisch für ihn oder sie, oder fällt sie eher ein wenig aus der Reihe? Auf längere Sicht ist Ersteres einfach die bessere Wahl. Es ist immer gut, eine Verbindung zum Hauptwerk aufzubauen. Außerdem sollte man darauf achten, ob es Unikat oder eine Edition ist. Bei bekannteren Künstlerinnen und Künstlern wird eine Edition erschwinglicher sein, weil davon relativ viele entstehen. Wenn man aber die Möglichkeit hat, ist es immer besser, ein Unikat zu kaufen – sei es eine Zeichnung, ein Gemälde oder eine Skulptur. Ein Unikat, an das man schwer herankommt, ist langfristig ein besseres Investment. Letztlich muss auch darauf geachtet werden, was man mit dem Kunstwerk will, wie viel Platz es benötigt und wie die Instandhaltung aussieht.

From the series "Artificial Gods" by Dennis Rudolph
© Dennis Rudolph & Jette Rudolph

Du kuratierst Z-Series bei vc_on, der Online-Plattform von viennacontemporary. Was ist hierbei Dein Ansatz und was macht die Serie so besonders?

Ich habe nach Arbeiten gesucht, die einnehmend und zeitgemäß sind, die Ästhetik und konzeptuellen Einfallsreichtum in sich tragen – Kunst, die einen direkten Einblick in das Schaffen der KünstlerInnen ermöglicht. Ich habe das Portfolio jeder einzelnen der 45 teilnehmenden Gallerien durchforstet, um Arbeiten zu finden, die interessant, innovativ und berührend sind und die großen Themen der zeitgenössischen Kunst aufgreifen. Es sind auch Arbeiten, die online ansprechend und verständlich sind, damit auch Leute, die zum Beispiel viel online einkaufen, sich nicht davon abgeschreckt fühlen vielleicht mehr in den Galerien oder auf der Messe zu erkunden. Die Arbeiten der Z-Series ermöglichen es, über ein bekanntes Medium einen zugänglichen Einstieg in die zeitgenössische Kunst zu finden. Z-Series ist ein digitaler Ort für etablierte SammlerInnnen aufstrebende Talente zu entdecken, und auch für jene, die sich gerade das erste Mal im Kunstsammeln ausprobieren. Die Selektion schafft Raum, mit neuen Arbeiten zu experimentieren und Dinge zu entdecken, die es wert sind, genauer betrachtet zu werden. Und sie bringt das Beste einer jungen Kunstgeneration und neuere Arbeiten von der viennacontemporary zusammen. Außerdem kosten alle Arbeiten weniger als 3000 Euro.

Du hast erwähnt, dass viele Sammlerinnen und Sammler momentan vor allem Werke von lokalen Kunstschaffenden kaufen. Auch viennacontemporary hat einen regionalen Fokus, vor allem auf Kunst aus Österreich, Mittel- und Osteuropa. Was macht diese Regionen so spannend?

Gallerien aus Zentral-, Süd- und Osteuropa bekommen gerade immer mehr internationale Aufmerksamkeit. Viele KünstlerInnen aus diesen Regionen setzen sich in ihren Werken intensiv mit dem Verhältnis von Materialität und Medien und deren Formen auseinander. Verständlicherweise gibt es auch ein starkes Bewusstsein für die politischen Umbrüche, die in den jeweiligen Ländern passieren, und die auf eine sehr interessante, subtile und komplexe Art und Weise in den Werken der KünstlerInnen reflektiert werden. Jede Region hat eben ihre ganz eigene Geschichte und Substanz. In den vergangenen Jahren habe ich festgestellt, dass Österreich eine regelrechte Tradition des Abstrakten hat, die sich aus dem Modernismus speist. Ich finde, Z-Series schließt einige wirklich spannende Künstlerinnen und Künstler ein, die abstrakte Malerei neu interpretieren, oder in ihren Arbeiten Informationen hin zu grafischen Texturen abstrahieren. Im weitesten Sinne reflektieren viele Arbeiten aus dieser Region größere Themen, etwa zur Repräsentation des Körpers, Ideen rund um Identitäten, oder Rückspiegelungen des Figürlichen. Und es gibt eine Rückkehr zur Malerei.

Yelena Popova's "Townlets Diagrams", Courtesy of the artist and l'étrangère gallery

Welche Künstlerin oder welcher Künstler beeindruckt Dich am meisten?

Das ist immer eine schwierige Wahl, aber es gibt drei aktuelle Entdeckungen der Z-Series, die mir besonders ins Auge gefallen sind. Assunta Abdel Azim Mohamed ist eine großartige österreichische Künstlerin, die sehr figürlich arbeitet. Ihre Zeichnungen erforschen viele Felder der zeitgenössischen Kunst, vor allem Themen der Identität und des Andersseins. Abgesehen von ihrem großartigen Stil interessiert mich besonders, wie ihre Figuren sich gegenseitig und auch die Betrachterinnen und Betrachter auf eine sehr erfrischende Art anschauen. Die russische Künstlerin Yelena Popova wiederum hat eine wirklich umfassende und spannende Art zu arbeiten, in der sich Malerei und Skulptur überschneiden. Da ist etwas sehr Schönes und Flüssiges in ihrer Sicht auf die Moderne und das Abstrakte, die sich – aus dem Erbe des Konstruktivismus – auf eine sehr zeitgemäße Art materialisiert. Dennis Rudolph ist ein weiterer spannender Künstler, der die Malerei um den Einsatz von neuen Technologien ergänzt. Seine Arbeiten funktionieren als Gemälde zusammen mit Augmented Reality. Einige Elemente werden erst durch das Smartphone sichtbar und verändern das Bild zu einer 3D-Arbeit.

Z-Series ist ist Teil der Selektion von vc_on, der Online-Plattform von viennacontemporary. Die von Francesca Gavin kuratierte Auswahl ist exklusiv vom 17. September bis 27. Oktober 2020 hier erhältlich. 

Quynh Tran ist Chefredakteurin von on central east. Sie hat in der Kunst-Mediation von Institutionen wie dem der Boros Foundation und der Schering Stiftung gearbeitet. Sie schreibt regelmäßig bei Publikationen wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Süddeutschen Zeitung, Arte Magazin, Die Dame, Vogue, artnet, artinfo, Arts of the Working class und anderen, und ist eine von acht AutorInnen von „Kein schöner Land – Angriff auf die deutsche Gegenwart“, erschienen im C.H. Beck Verlag.