Mehr als Beton brutal – die Moderne des Ostens

Auch in Osteuropa entwickelten sich Zentren der Moderne. Seit den Neunzigerjahren werden sie wiederentdeckt.

In seinem Buch „Brokers of Modernity“ teilt der Historiker Martin Kohlrausch eine interessante Beobachtung: „In den 40 Jahren des Kalten Krieges ist in Vergessenheit geraten – oder nie ganz bewusst geworden – wie stark die Perspektive des Ostens sich auf die Kunst und Architektur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgewirkt hat“.

In der Tat: Noch heute würden sich die meisten bei der Suche nach der Architektur der Moderne wohl auf die Spuren des Bauhauses nach Weimar, Dessau und Berlin begeben, oder Le Corbusier in Paris und Marseille nachspüren. Vielleicht springt noch Wassily Kandinsky ins Gedächtnis, der später von Walter Gropius ans Bauhaus berufen wurde. Oder El Lissitzky, dessen Werke das mathematische Verständnis der Architektur in die Malerei holten – oder Wladimir Tatlin, dessen „Maschinenkunst“ 1920 im Modell des Spiralpavillons für die Dritte Internationale kulminierte. Alle drei gehörten zuvor in Moskau der Kunst-Avantgarde an und begründeten dort unter der Prämisse, dass der Künstler auch Ingenieur sei, den Konstruktivismus.

Dass aber osteuropäische Architektur auch außerhalb Russlands stattfand, und viel mehr als nur grauen Brutalismus hervorgebracht hat; dass sich auch in Bratislava, Zagreb oder Prag Künstler mit den verschiedenen Strömungen der Moderne auseinandergesetzt haben, ist erst seit dem Ende des Kalten Krieges aufgearbeitet worden.

Kubismus in Prag

Cubist Lamppost © Maria Wiesner

Noch vor gut zehn Jahren berichtete eine Reporterin der „New York Times“ völlig erstaunt, dass in Prag bis heute das Erbe der Kubisten zu sehen ist. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatten sich dort Künstler mit den Ideen Pablo Picassos und George Braques’ auseinandergesetzt. Und auch sie sahen schnell einen Zusammenhang zwischen der Malerei und der Architektur.

Prag ist heute der weltweit einzige Ort, an dem kubistische Architektur zu finden ist: Etwa auf dem Jungmann-Platz (unweit des zentralen Wenzelsplatzes), wo die kubistische Laterne steht. Aufeinandergestapelte, hexagonale Prismen aus Beton bilden ihre Säule, obenauf zackiges schwarzes Gusseisen, das gezackte Glasscheiben hält.

Entworfen hatte sie der Architekt Emil Králíček, der in Darmstadt als Mitarbeiter von Joseph Maria Olbrich die Ideen der Reform-Architektur kennengelernt hatte. Als er 1912 seinen Laternenentwurf gemeinsam im Ensemble mit einer dahinter liegenden Apotheke umsetzte, deren Inneneinrichtung verschlungene Elemente der späten Secession und Kubismus vereinte, erntete er von der Presse seinerzeit nur Spott. Heute gibt es die Apotheke nicht mehr, aber die Laterne erzählt noch immer von jener Zeit, als die Avantgarde ins Stadtbild rückte.

Noch deutlicher zeigt sich das ein paar hundert Meter weiter, in der Prager Altstadt am Dům U Černé Matky Boží, dem Haus zur Schwarzen Muttergottes. Josef Gočár, einer der Begründer moderner tschechischer Architektur, baute es 1911. Auf zwei Etagen erstreckt sich hier seit den späten Neunzigerjahren ein Kunstgewerbemuseum, dessen Ausstellungsstücke erahnen lassen, wie kreativ die Avantgardeszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Prag gewesen sein muss: Die Stühle, Kommoden und Keramiken adaptieren kubistische Grundelemente in zackigen Lehnen, fordern die Schwerkraft mit angeschrägten Beinen und die Perspektive durch spitze Spiegelelemente heraus.

Es ist Gočárs Experimentiergeist zu verdanken, dass er die damals strikten Bauauflagen zur Modernisierung des ehemaligen Barockbaus mit Feingefühl umsetzte. Die Fassade durfte keinen allzu großen Kontrast zu den umliegenden Gebäuden darstellen. Also verlegte sich der Architekt auf die Inneneinrichtung, sorgte mit Beton für einen statischen Vorteil, der ihm erlaubte, das „Grand Café Orient“ im ersten Stock komplett ohne Stützpfeiler zu konstruieren, was der kubistischen Raumästhetik entgegenkam.

House of the Black Madonna
Grand Café Orient © Prague Tourism Board

Funktionalismus in Zlín

Auch Le Corbusier trieb sich 1911 auf seiner „Voyage d’Orient“ in Prag herum, bevor er nach Wien, Budapest und Belgrad weiterreiste. Er hielt die Reise in einem Tagebuch fest, lobte mit Pariser Blick das von falschen europäischen Zivilisationsansprüchen unberührte osteuropäische Design. Etwas mehr als ein Jahrzehnt später sollte er bei einem weiteren Besuch in Prag den funktionalistischen Messepalast (heute Sitz der Nationalgalerie) als „interessant, aber noch keine Architektur“ abtun. Das Gebäude mit den großen Fensterflächen und den strengen, klaren Linien war 1928 das größte seiner Art in Europa.
Blick auf Bataville @ Maria Wiesner

Für einen weiteren Architektursuperlativ muss man weiter nach Osten: In Zlín ließ Jan Antonín Baťa 1936 den ersten Wolkenkratzer Mitteleuropas errichten. Er war Teil der gleichnamigen Schuhfabrik, die sein Bruder Tomáš Baťa 1894 hier gegründet hatte (die Marke verkauft noch heute in mehr als 70 Ländern Schuhe, wenn auch nicht mehr von Zlín aus). Tomáš Baťa war begeistert von Henry Ford, dessen Ideen er während eines Aufenthalts in Amerika kennengelernt hatte. Er gestaltete sein Unternehmen nach Ford’schem Vorbild, gliederte die Produktion in kleine Einheiten und taktete den Arbeitstag in Minuten.

Nach Tomáš’ Tod holte sein Bruder auch architektonisch etwas Amerika nach Zentraleuropa und ließ einen Wolkenkratzer errichten, 16 Stockwerke strecken sich etwas mehr als 77 Meter in die Höhe. Ausgeführt wurde der Bau vom Architekten Vladimír Karfík, einem Schüler Le Corbusiers. Krönung des Gebäudes war das Vorstandsbüro, das sich in einem Fahrstuhl befand, der jederzeit auf einem der Stockwerke halten konnte. Und auch die umliegende Stadt gestaltete Baťa, ließ ähnlich wie in den Entwürfen der Gartenstädte Ende des 19. Jahrhunderts ein „Bata-ville“ mit Arbeiterwohnhäusern, Hochschule und Krankenhaus erbauen, die später überall auf der Welt entstanden. Im Wolkenkratzer befindet sich heute ein Museum, die Fabrikgebäude ringsherum sind noch immer Zeugnis des Konstruktivismus.

Bauhaus in Bratislava

„Wenn man sich in Pressburg um die Gründung und Organisation einer Art Bauhaus bemüht, wenn man künstlerisches Schaffen und Industrie verbessern will, dann suche man den engstmöglichen Kontakt mit der Produktion und den Industriebetrieben.“ Diese Worte gab Walter Gropius 1931 László Moholy-Nagy mit auf den Weg nach Bratislava, wo er eine Vortragsreihe halten solle. Die dortige Kunstgewerbeschule wurde bereits in jenem Jahr als „Bratislavsky Bauhaus“ bezeichnet.

Formalistische Positionen trafen hier auf sozialistische. Zu den Lehrern gehörten der Avantgarde-Fotograf Jaromír Funke sowie Architekt und Designer Zdeněk Rossmann, Mitglied des Brnoer Avantgarde-Kollektivs Devětsil. Die Lehre verband analytischen Realismus, Konstruktivismus und Volkskunst, man legte beim Design Wert auf den Erhalt der vorhandenen handwerklichen Traditionen. .

Und auch in Bratislavas Architektur zog die Moderne ein. Nach 1918 kehrten im Ausland ausgebildete junge Architekten in den neuen Tschechoslowakischen Staat zurück und brachten ihr Wissen aus Wien, Prag, der Schweiz oder Frankreich mit. Friedrich Weinwurm und Ignác Vécsei, zwei führende Architekten der hiesigen Moderne, entwarfen mehrere Gebäude, die von Adolf Loos’ Neuer Sachlichkeit geprägt waren. Beispielhaft sei hier nur das Unitas-Wohnprojekt (1930/31) genannt, das der Urbanisierung mit modernen Standards begegnete. Die sogenannten „Pawlatschenhäuser“ in der Schanzenstraße in Bratislava erstreckten sich über sieben Blöcke. Die einfachen Wohnungen hatten sowohl Wohn- und Schlafräume als auch Küche und Bäder. Weinwurm hatte zudem eine komplette Inneneinrichtung entworfen, die sich der räumlichen Zwängen unterordnete, aufgrund finanzieller Engpässe jedoch nicht umgesetzt werden konnte. Schon hier manifestierte sich das langsame Verschwinden der Moderne in Osteuropa.

In der noch jungen Sowjetunion setzte sich ab den frühen 1930er Jahren der Sozialistische Realismus durch. In der Tschechoslowakei wurden moderne Kunsttrömungen als bourgeois abgetan. In der Architektur riefen die neuen sozialistischen Staaten Wohnungsbauprogramme aus, Kunst musste Pragmatismus weichen. Der Vormarsch der Nazis bedrohte die Künstler zusehends und brachte manchen von ihnen den Tod: Architekten und Designer wie Weinwurm oder Vécsei kamen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft und ihres linken politischen Engagements im Holocaust ums Leben.

Maria Wiesner Gesellschafts- und Stilredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und hat ein besonderes Interesse an Osteuropa. Sie hat Buchbeiträge über Korrespondenten während des Kalten Krieges geschrieben und 2019 ihr erstes Buch „Grund dafür sind Verzögerungen im Betriebsablauf – Wie die Bahn uns alle irre macht“ bei Harper Collins veröffentlicht.