Museen mit Profil – die unbeachteten Highlights des Ostens

Denkt man an Museen der Weltklasse kommen – außer vielleicht der Hermitage – nur wenige Institutionen jenseits westeuropäischer Städte wie London, Paris oder Berlin in den Sinn. Dabei hat der auch der „Neue Osten“ durchaus Highlights zu bieten. Dies sind nur einige, die mehr Aufmerksamkeit verdienen.

© Karakalpastan State Museum

Kunstmuseum Nukus, Uzbekistan

Versteckt in der postindustriellen Brache um die Stadt Nukus in der abgelegenen Region Karakalpakistan, hätte die Gründung dieses einzigartigen Museums als eine Art „Mission: Impossible“ Igor Savitsky das Leben kosten können. Savitsky, Spross einer wohlhabenden Familie, begann sich für folkloristischer Kunst (vor allem Artefakte und Textilien) zu interessieren, als er 1950 bei archäologischen Ausgrabungen mitarbeitete, was den Grundstein seiner Sammlung bildete. Verborgen vor den wachsamen Augen der sowjetischen Regierung im weit entfernten Moskau fing er an, auch Kunstwerke von verbannten KünstlerInnen aus Zentralasien und Russland zu sammeln: Surrealisten, Kubisten, Futuristen, von denen einige für ihr Schaffen mit dem Leben büßen mussten. Während seine Sammlung immer größer wurde realisierte Savitsky, dass er, wenn schon nicht die Leben der Kunstschaffenden, so doch zumindest bedeutende kunsthistorische Werke retten konnte, und eröffnete 1966 das Museum. Heute rühmt sich das Haus mit der – nach dem Russischen Museum in St. Petersburg – zweitgrößten Kollektion russischer Avantgarde-Kunst und verfügt über rund 90,000 geschichtsträchtige Exponate, von altertümlichen Werken aus der Provinz Choresmien bis zu zeitgenössischer Kunst aus Uzbekistan und Karakalpakistan.

Kunstmuseum Nukus
K. Rzaec Street, Nukus, Uzbekistan
www.savitskycollection.org

© Flickr

Museum für Beschlagnahmte Kunst, Belarus

Dieses bescheidene Museum nahe der Grenze zu Polen stellt Kunst und andere ausgewählte Objekte und Möbel aus, die über Jahrzehnte beschlagnahmt worden waren. Die meisten Werke wurden während der politischen Umbrüche der neunziger Jahre in der Region konfisziert. Glücklicherweise entschieden sich die lokalen Behörden dazu, jene Kunstwerke auszustellen, deren einstige Besitzerinnen und Besitzer nicht mehr ausfindig gemacht werden konnten, statt sie zu zerstören. Die eigenwillige Sammlung ist eine Mischung aus religiösen Ikonen des 18. Jahrhunderts, antiken Uhren, seltenen Porzellanarbeiten und einer Vielfalt von Gemälden. Das Museum bietet leider nicht viele Informationen zu seiner Sammlung und manche Exponate wurden durch Transport oder Lagerung deutlich beschädigt. Ein faszinierender Ort voller Objekte, die manche verborgene Geschichte ihrer einstigen BesitzerInnen in sich tragen, ist das Museum für Beschlagnahmte Kunst aber allemal.

Museum für Beschlagnahmte Kunst
39 Lenin Street, Brest, Belarus

The Matenadaran © Gerd Eichmann

Das Mesrop-Maschtoz-Institut für alte Manuskripte (Matenadaran), Armenien

Obgleich das moderne Armenien seine Unabhängigkeit erstmals im Jahr 1918 und dann wieder nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahr 1991 erreichte, blickt das kulturelle Erbe des Landes auf eine reiche, Jahrtausende alte Geschichte zurück, die durch ebenso alte Manuskripte belegt ist. Schriften, die grundlegend zum armenischen Nationalstolzes beitragen. Im Jahr 1959, nachdem zahlreiche Bibliotheken über die Jahrhunderte geplündert und abgebrannt wurden, entschied sich die Regierung ein imposanten Gebäudes aus grauem Basalt zu errichten, um darin die verbliebenen Manuskripte zu beherbergen. Viele dieser illustrierten Schriften stammen aus dem Mittelalter. Obwohl ein Großteil der rund 23.000 Manuskripte – teilweise Fragmente, aber auch ganze Dokumente und Karten – nur für Forschungszwecke zugänglich sind, zeigt auch die öffentlich Ausstellung einige Höhepunkte. Darunter etwa das Vehamor-Evangelium (das älteste komplett erhaltene armenische Schriftstück der Welt), die Predigten von Mush aus dem 13. Jahrhundert und einige mittelalterliche Manuskripte zu allerlei Themen wie Mathematik und Astrologie in griechischer und syrischer Sprache. Außerhalb des Museumsgebäudes sollte man die Augen nach der Skulptur des Heiligen Mesrop Maschotz offenhalten, der das armenische Alphabet erfunden hat.

Matenadaran
53 Mashtots Avenue, Jerewan, Armenien
www.matenadaran.am

Melnikov House, Moscow

Dieser zylindrische, architektonische Blickfang versteckt sich in einer Seitenstraße des Arbat-Bezirks im Zentrum Moskaus. Gebaut wurde er zwischen 1927 und 1929 als Privatanwesen und Studio des Architekten Konstantin Melnikov, bekannt vor allem für seine gläserne Pyramide, die er für Lenins Sarkophag erbauen ließ, aber auch für funktionalere Bauten wie Busdepots und Arbeiterclubs. Dass der Bau des Melnikov House überhaupt genehmigt wurde, ist ebenso ein kleines Wunder wie der Umstand, dass es während der Sowjetzeit nicht abgerissen wurde. Der Mangel an Baumaterialien wie Ziegelsteine oder Holz zwang Melnikov dazu, möglichst sparsam und innovativ zu planen: Küche und Bad im Erdgeschoss sind durch Wendeltreppen mit dem Wohnzimmer und den Schlafzimmern in der ersten Etage verbunden, außerdem gibt es ein Studio von doppelter Raumhöhe und eine Dachterrasse. Ein ästhetisches Highlight, ebenso aus Melnikovs Sinn für Praktikabilität gewachsen, ist das kleine, aber unverwechselbare Arrangement sechseckiger Fenster auf der Rückseite des Hauses – das wiederum von der wabenartigen Struktur des Mauerwerks diktiert wird. Heute ist das Wohnhaus ein gelistetes Kulturerbe.

Melnikov House
Krivoarbatsky Lane, Moskau, Russland

Tolstoy's "Sunlit Meadows"

Jasnaja Poljana, Moskau

Häuser bekannter russischer Schriftsteller gibt es überall im Land – vom heutigen Puschkin Museum in Moskau über das Dostojewski Museum in Sankt Petersburg. Lew Tolstois Zuflucht ist ein ganz besonderer Ort. Der Name des Anwesens, in dem der literarische Realist 1828 geboren wurde, lässt sich als „helle Lichtung“ übersetzen. Das Grundstück liegt einige hundert Kilometer ausserhalb von Moskau und wurde 1763 von seinem Urgroßvater gekauft. Tolstoi ließ sich hier 48 Jahre nieder, nachdem er 1862 geheiratet hatte. Er bewohnte eines der Gästehäuser, ein einfacher Bau, in dem sowohl „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“, als auch viele andere Hauptwerke entstanden. Heute ist Jasnaja Poljana eine Art Pilgerort für echte Tolstoi-VerehrerInnen. Schon 1921 wurde das Haus in ein Museum umgewandelt, weswegen ein Großteil der Einrichtung in Sicherheit gebracht werden konnte, bevor die Nazis aus dem Gebäude zwischenzeitlich ein Militärkrankenhaus machten. Auf dem Grundstück lassen sich nun das einstige Schlafzimmer des großen Schriftstellers, eine großzügige Bibliothek mit mehr als 20,000 Büchern und ein Gebäude besichtigen, in dem Tolstoi eine Bauernschule hatte einrichten lassen. Auch sein Grab befindet sich auf dem Gelände, im ländlichen Park, ohne jede Kennzeichnung – wie er es sich gewünscht hat.

Jasnaja Poljana
Oblast Tula, Russland

@ Polin

POLIN, Museum der Geschichte der polnischen Juden, Polen

Im Jahr 2013 eröffnet, ist dies eines der neuesten europäischen Museen, das sich der jüdischen Geschichte widmet – das verrät bereits der von den finnischen Architekten Rainer Mahlamäki und Ilmari Lahdelma kompromisslos modern gestaltete Bau. Das Museum liegt im Muranów-Stadtviertel von Warschau, in dem vor dem Ersten Weltkrieg vor allem Juden lebten, und das später von den Nazis zum Ghetto erklärt wurde. Die acht thematischen Hauptteile der Dauerausstellung folgen den Spuren der tausende Jahre alten Geschichte jüdischen Lebens in Polen, von den ersten Siedlungen bis zum Schrecken des Holocausts. Neben antiken Objekten und Gemälden zeigt das Museum auch interaktive Ausstellungen, Video-Arbeiten und sogar Rekonstruktionen zerstörter Werke, wie etwa ein bemaltes Synagogen-Gewölbe aus dem einstigen Gwoździec, das mittlerweile zur ukrainischen Kleinstadt Hwisdez geworden ist.

Polin
Mordechaja Anielewicza 6, Warschau, Polen
www.polin.pl/en

DOX Centre in Prague © DOX

DOX Centre for Contemporary Art, Prag, Tschechien

Als das DOX Centre for Contemporary Art im Jahr 2008 eröffnete, war Holešovice noch ein ziemlich trostloser Stadtteil, der nur selten besucht wurde. Seit ungefähr zehn Jahren aber sind sowohl das Kunstzentrum, das manchen als „Prags Tate Modern“ gilt, als auch das Viertel zu einigen der angesagtesten Orte der ganzen Stadt geworden. Die Ausstellungsräume liegen in einem riesigen Gebäudekomplex aus dem 19. Jahrhundert, auf dem seit 2016 ein schrulliges, 42 Meter breites Zeppelin-Modell aus Stahl und Holz thront. Die Ausstellungen zeigen sich als durchdachtes Zusammenspiel lokaler und internationaler KünstlerInnen, die sich oft nichtkünstlerischer Disziplinen wie Psychologie und Philosophie, Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften bedienen. Der gut gefüllte Veranstaltungskalender des Hauses bietet Vorträge, Film-Vorführungen, Bildungsprogramme für SchülerInnen und Familien. Auch das lebhafte Café, der Buchladen und der Design-Store innerhalb des Gebäudes sind einen Besuch wert.

DOX Centre for Contemporary Art
Poupětova 1, Prag, Tschechien
www.dox.cz

Pedvale Art Park, Lettland

Im malerischen Urstromtal des Abava nahe der lettischen Kleinstadt Sabile trägt dieser einnehmende Ort 150 Kunstwerke auf rund 100 Hektar Zusammen. Sanft geschwungene Felder und Waldgebiete charakterisieren die Umgebung, durch die sich der Fluß Abava schlängelt. Diese beruhigenden Landschaften, so die Mission des Museums, sollen mit Kunst und Kultur in Einklang gebracht werden. Dementsprechend wurden die meisten der dauerhaft ausgestellten Werke während Symposien oder Open-Air-Workshops in der Gegend geschaffen. Zu sehen sind aber auch jährlich wechselnde Ausstellungen von Arbeiten lettischer und internationaler KünstlerInnen, sowie Exponate des Museumsgründers und Bildhauers Ojars Freiberg. Damit ist das Pedvale Open Air Museum Teil einer regionalen Bewegung, die Kunst öffentlich zugänglich und lettische KünstlerInnen über die Grenzen des Landes hinaus bekannt machen will. Bei einem Besuch sollte auch Zeit für das charmante Gasthaus und Restaurant bleiben, das sich im alten Herrenhaus befindet. Mitgebrachte Picknicks sind auf dem großzügigen Gelände ebenfalls erlaubt.

Pedvale Art Park
Pedvāle, Abava, Lettland
www.pedvale.lv/en

Paul Sullivan ist Reisejournalist. Als Autor hat er für Wallpaper, DK und Rough Guides Reisebücher geschrieben, Artikel veröffentlichte Sullivan unter anderem im Telegraph Travel, The Guardian, The Sunday Times, BBC Travel, AFAR.com und National Geographic UK. Außerdem ist er einer der Gründer von slowtravelberlin.com.