Off-Paris: ModedesignerInnen aus Osteuropa

Im Westen nichts neues, heißt es schon bei Remarque. Und auch heute scheint sich eher im Osten etwas zu tun: Abseits von Mailand und Paris wächst eine neue Generation an DesignerInnen heran, die sich international einen Namen macht.

Ein frischer Wind weht von Osten her durch Street-Style-Blogs, Hochglanzmagazine und Instagram-Accounts, fegt auch über die Laufstege von New York, Mailand und Paris. Mit viel Sinn für eine neue Weiblichkeit machen sich ModedesignerInnen aus Osteuropa einen Namen. Sie heißen Nanushka, Vika Gazinskaya, Magda Butrym oder Petar Petrov und verbinden traditionelle regionale Handwerkskunst mit einer kantigen Femininität.

Nanushka look from F/W 2020 © Alice Neale
Nanushka look from the Resort 2020 © Esther Theaker
Statt auf den schnellen Ruhm über Nacht zu setzen, scheinen sich viele osteuropäische DesignerInnen auf einen gemächlichen, nachhaltigen Weg zum Erfolg zu besinnen. Die ungarische Modemacherin Sandra Sandor zum Beispiel gründete ihr Label Nanushka bereits 2005. Unterstützt von einer treuen Kundschaft vor Ort baute sie ihre Marke in Budapest auf – mittlerweile ist Nanushka ein international bekanntes Label mit einem zweiten Flagship-Store in New York. Die Mode der ungarischen Marke wird von Online-Giganten und analogen Concept Stores gleichermaßen vertreten. Allerdings wagte sich Sandor erst nach zehn erfolgreichen Jahren in ihrer Heimat auf den globalen Markt. 2018 „debütierte“ sie vor internationalem Publikum auf der New York Fashion Week, wo sie mit sinnlichen Silhouetten, raffinierten Details und durchdachten Accessoires nicht nur bei KritikerInnen großen Beifall erntete. Auch den Grundstein für ihren kommerziellen Erfolg legte sie damals. „Ich glaube, die Art und Weise und der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, haben meinen Stil und meinen Weg als Designerin stark beeinflusst“, sagte sie 2018 der „Harper’s Bazaar“. „Ich versuche Stücke zu kreieren, die simpel und zeitlos sind und viele Jahre getragen werden können – ohne, dass man sich an ihnen satt sieht.“
Petar Petrov wurde in der Ukraine geboren und wuchs in Bulgarien auf. Sein gleichnamiges Womenswear-Label gründete er 2009 allerdings in Wien. Zuvor studierte er in der österreichischen Hauptstadt an der Universität für angewandte Kunst, unter anderem bei Raf Simons und Viktor & Rolf. Inhaltlich mischt Petrov in seinen Kollektionen die Kulturen Europas, technisch trifft akkurate Schnittführung auf hochwertige Woll- und Seidenstoffe. Auch Petrov zeigte sich erst nach dem 10-jährigen Jubiläum seines Labels einem größeren internationalen Publikum und präsentierte im Februar 2020 seine Kollektion auf der London Fashion Week. Die zeitlose Eleganz seiner Entwürfe, so heißt es in der Szene, sei nur noch selten zu finden. „Meine primäre Inspiration sind und waren schon immer echte Frauen“, sagte Petrov der britischen „Vogue“ nach seinem Londoner Debüt.
Courtesy of Vika Gazinskaya

Der Blick der osteuropäischen DesignerInnen scheint den Nerv modebewusster KonsumentInnen zu treffen, statt auf kitschige Details setzen sie auf moderne Silhouetten. Das kommt an – auch, weil sich mit der Öffnung der postsowjetischen Länder neue Märkte im mittel- und hochpreisigen Segment eröffnet haben, in denen sich anspruchsvolle KundInnen auch abseits des Luxus-Logo-Mainstreams umschauen wollen. Viele von ihnen sind zudem bereit, aufstrebende lokale DesignerInnen zu unterstützen. Aber auch auf internationaler Ebene nimmt die Aufmerksamkeit mehr und mehr zu.

Die in Moskau lebende Designerin Vika Gazinskaja gründete 2006 ihr gleichnamiges Label, nachdem sie schon viele Jahre als Stylistin gearbeitet hatte und zur Streetstyle-Ikone geworden war. Ihre Designs sind fröhlich, spielen mit reichlich Volumen und skurrilen Dessins. ModeredakteurInnen im Westen wie im Osten feiern Gazinskajas kompromisslose Vision. Ihre Kollektionen gelten als so etwas wie „Demi-Couture“, verarbeitet sie doch luxuriöse Materialien und lässt Details aufwendig in Handarbeit erstellen – alles fair und nachhaltig, auf Pelzmaterialien verzichtet Gazinskaja komplett. Ihre Kollektionen zeigt die Designerin seit 2013 auf der Pariser Modewoche.

Birgit Kos for Magda Butrym © Sonia Szostak

Auch die Warschauerin Magda Butrym hat eine klare Vision. Sichtbar macht sie diese mit ihrem gleichnamigen Label, indem sie präzise maßgeschneiderte Entwürfe mit verspielten Elementen wie Rüschen, Falten und Stickereien zusammenbringt, handgefertigt von erfahrenen polnischen KunsthandwerkerInnen. Das 2014 gegründete Label hat AnhängerInnen auf der ganzen Welt und bietet neben der Mode seit kurzem auch Schuhe und Accessoires an. „Ich will jeden Montagmorgen zu einem besonderen Anlass machen“, sagt Butrym über ihren Designansatz.

Es scheint, als hätten die osteuropäischen DesignerInnen etwas zu bieten, von dem die Modeszene überhaupt noch nicht wusste, dass es überhaupt fehlt. Kein Wunder also, dass die internationale Branche die neuen Impulse euphorisch aufnimmt. Der Londoner Concept Store Koibird jedenfalls lancierte gerade erst einen „Eastern Bloc Edit“.

Hili Perlson schreibt über Kunst und unterrichtet Schreiben. Sie war Europa-Redakteurin für artnet News und hat unter anderem für Artforum, The Financial Times, The New York Times, Vogue.com, Zoo Magazine und diverse Kunstkataloge geschrieben.