Osteuropas ultimatives Streetfood in der Teigtasche

Teigtaschen in allen möglichen Formen sind das osteuropäische Comfort-Food überhaupt. Die ukrainische Variante Kyivska Perepicka ist zu einer Stadtikone geworden.

Das kulinarische Highlight in Kiew kostet keine 60 Cent. Dabei ist es nur eine Wurst in einer frittierten Teigtasche, Kyivska Perepіchka genannt, was so viel bedeutet wie Kiewer Gebäck. Schon seit 1981 stopft diese ukrainische Teigwurst in dem gleichnamigen Fastfood-Restaurant hungrige Mäuler. Mit ihren unverwechselbaren Sowjetcharme, der bei einer grimmigen Babuschka im Verkauf beginnt und bei den spartanischen Zutaten aufhört, ist sie etwas ganz besonderes: Sie ist das Vorzeigenahrungsmittel, das sich im ganzen Ostblock in verschiedensten Varianten findet, das Comfortfood des Ostens überhaupt. Aber warum erregt eine billige Teigtasche mit Wurst gerade hier so viel Aufmerksamkeit?

An der Ecke von Chreschtschatyk und Chmelnyzkyj, gleich im Zentrum von Kiew zwischen touristischen Bars und teuren Boutiquen, befindet sich ein 15 Quadratmeter kleiner Laden. Mit Neonschrift und einem Fenster, das einem Drive-in von McDonald’s ähnelt, bricht die Kyivska Perepіchka das edle Innenstadtbild. Dort versammeln sich die unterschiedlichsten Menschen: Studierende, Handwerker und Mütter mit Kindern, aber auch Herren mit Aktentaschen und Frauen auf Pfennigabsätzen stehen hier für die frisch frittierte Teigtasche an.

Kiev's iconic street food is served every minute
Von 8:30 bis 21:30 Uhr wird sie im Minutentakt ausgeben, und trotzdem gibt es zu Stoßzeiten so lange Schlangen, dass man eine halbe Stunde warten muss, bis man die begehrte Teigtasche in den Händen halten kann. Sie ist so fett glänzend, dass sie wohl die Arterien verstopfen könnten – und trotzdem ist sie zur Ikone einer ganzen Stadt geworden. Jede Familie hat ihr eigenes Rezept für Teigtaschen, doch das Rezept für genau diese bleibt ein Geheimnis.
Dabei ist die Teigtasche das Streetfood im postsowjetischen Raum. Und wenn es der Teigmantel ist, der sie verbindet, dann sind es die unterschiedlichen Füllungen, die sie trennen. Sie hat viele Namen; Beljaschi, Tscheburek, Piroschki und Piroggi werden ihre Variationen genannt, die mit allem möglichen Zutaten befüllt werden. Mal Fleisch, mal Kohl, mal anderes Gemüse, und hier in der Ukraine eben mit Wurst – eine Art osteuropäisches Äquivalent zum amerikanischen Hotdog. Woher die osteuropäische Teigtasche kommt, weiß niemand so genau. Manch ein Forscher sagt ihnen gar eine Verwandtschaft zum Börek nach. Fest steht, dass sie durch die Einheit der Sowjetunion und die Durchmischung der östlichen Kulturen heute überall zu finden sind.

Dabei sind die Teigwaren so warmherzig, simpel und gut wie die Menschen Osteuropas selbst. Sie erinnern an die Familie, die sich jedes Jahr zu Neujahr oder zu einem Geburtstag trifft. An Feste oder an den Alltag: Die Teigtaschen aus Salz, Mehl und Wasser sind immer eine schnelle Herzensangelegenheit. Kyivska Perepіchka spielt mit dieser Nostalgie. Wer erinnert sich nicht an den Lieblingsimbiss, den man als Kind oder als junger Erwachsener im Vollrausch besucht hat? Gerade jetzt, in einer Zeit, in der die Welt komplizierter wird, gibt die so einfache Teigwurst ein wohliges Gefühl von Geborgenheit und Wärme, als sei das Leben selbst von dickem Teig ummantelt.

Doch auch die Teigwurst Osteuropas wird von der wachsenden Kommerzialisierung bedroht: Immer öfter sprießen in Kiew abstrakte Variationen hervor. Vegane Würstchen, süße Füllungen und große Leuchtreklamen mit hippen jungen Leuten versuchen der Kyivska Perepіchka das Wasser abzugraben. Doch gerade das Urige zieht die Jungen an, die sich hier an Großmutters Küche erinnert fühlen. In jedem Bissen drückt sich der Wunsch nach Normalität aus, nach etwas Beständigkeit in Zeiten des Umbruchs.

In Kiew ist Kyivska Perepіchka eine kulturelle Zeitmaschine für Jung und Alt – selbst für Touristen, denen die lange Schlange ins Auge sticht. Auch in Deutschland sind die Teigtaschen in größeren osteuropäischen Supermärkten zu finden, nur Cafés und Restaurants haben sie noch nicht für sich entdeckt. Dabei ist sie längst zur Brücke zwischen der Diaspora im Westen und den Ländern der ehemaligen Sowjetunion herangewachsen. Die Teigwurst, sie hätte das Zeug zum Trend-Food in den hippen Kreisen der Weltmetropolen. Denn sie ist Beweis dafür, dass es im Osten den Hot-Dog schon gab, bevor er aus dem Westen herüberkam.

Artur Weigandt freier Journalist mit Wurzeln im Osten. Seine Artikel sind u.a. im Zeit Magazin, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung and der Welt erschienen.