Wien – der Knotenpunkt zwischen Ost und West

Als Knotenpunkt an der ideologischen Grenze zwischen Ost und West war Wien immer schon das Tor zwischen den beiden europäischen Polen.

Mit Gender Check: Rollenbilder in der Kunst Osteuropas, die 2009 im mumok zu sehen war, eröffnete sich meiner amerikanischen Perspektive eine bisher unbekannte Seite Europas. Die von Bojana Pejić aus Belgrad kuratierte Ausstellung zeigte auf drei Etagen mehr als 400 Arbeiten von 200 Künstlern, die während und nach der sozialistischen Zeit im ehemaligen Ostblock entstanden sind. Von den meisten hatte ich zuvor nie gehört. Einige Namen wie Marina Abramović aus Serbien oder Geta Brătescu aus Rumänien, sind mittlerweile zu Fixpunkten der internationalen Kunstwelt avanciert. Aber es waren auch eindrückliche Arbeiten von Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová aus Tschechien, Katarzyna Kozyra aus Polen, oder des russischen Künstlers Vladislav Mamyšev-Monro zu sehen, dessen Selbstporträt als Marilyn Monroe aus dem Jahr 1996 als Ausstellungsplakat überall in der Stadt zu sehen war.

Vladislav Mamyšev-Monro Selbstporträt für Gender Check im mumok

Auch wenn das titelgebende Thema der Wandel von Geschlechterrollen in der Region war, fühlte sich die Ausstellung groß, bahnbrechend und wichtig an. Sie zeigte Kunst und Leben hinter dem geopolitischen und intellektuellen Eisernen Vorhang und beleuchtete die künstlerische Arbeit, die immer weiterging, auch wenn sie der Maschinerie der westlichen Kunstwelt mit Einzug des Kommunismus entglitten ist.

Ost- und Westeuropa sind nicht mehr auf dieselbe Art und Weise getrennt wie einst. Es wäre angesichts der nationalen, regionalen und kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten reduktionistisch überhaupt in Kategorien ost- und westeuropäischer Kunst zu denken. Trotzdem ist es naheliegend, dass eine Ausstellung dieser Art zum ersten Mal in Wien gezeigt wurde. Warum? Die Stadt liegt zwar an der ideologischen Schnittstelle zu Westeuropa.

Aber im Herzen ist Wien eine Stadt des Ostens, so wie eben Österreich wortwörtlich von der „Östliches Reich“ kommt. Gerade Wien ist durch seine historische Rolle als intellektuelles Zentrum des Habsburgerreiches und seine Nähe zum Osten immer schon ein Tor zwischen den unterschiedlichen künstlerischen Befindlichkeiten und Systemen des Kontinents gewesen.

Es gibt viele osteuropäische Künstler, die sich in der Stadt niedergelassen haben, aber für mich schlagen zwei Protagonistinnen die Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Zum einen die gebürtige Russin Teresa Feodorowna Ries – nicht nur, weil sie im k.u.k. Wien des späten 19. Jahrhundert eine geschiedene Künstlerin war, sondern vor allem wegen ihrer provokanten Skulpturen: Man denke nur an die skandalträchtige Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht von 1895. Ihre Werke erregten ihrerzeit auch das Interesse Kaiser Franz Josefs , was ihren Ruhm im Fin de siècle umso mehr beflügelte. Ries‘ Arbeiten wurden jüngst im Belvedere im Rahmen der Ausstellung Stadt der Frauen (2019) gezeigt.

Installationsansicht von Stadt der Frauen mit Skulpturen von Ries © Johannes Stoll für das Belvedere

Ihre zeitgenössische Schwester im Geiste könnte die ungarische Künstlerin Zsófia Keresztes sein, deren farbenfrohen, beinahe Dr.-Seuss-haften Mosaikskulpturen ein visueller Ausdruck unserer digitalisierten Welt sind. Sie sind nicht nur so bedeutsam und gewagt wie Feodorowna Ries‘ Arbeiten, sondern auch ein Abbild unserer Zeit: ein wildes Zusammenspiel von Post-Internet-Elementen and postkommunistischer Ästhetik. Keresztes zeigt bei der jungen Galerie Gianni Manhattan in Wien; ihre Heimatstadt Budapest war einst Teil von Österreich-Ungarn. Als das Habsburgerreich existierte begann der Osten anderswo. Doch gerade die neuen und alten Verbindungen sind vielleicht ein Grund dafür, warum Wien dabei helfen kann zu verstehen, wo „der Osten“ in Zeiten schwindender Abgrenzung und wachsender Integration beginnt.

Installationsansicht von Arbeiten Zsófia Keresztes bei Gianni Manhattan © Gianni Manhattan

Studierende aus Ländern wie Polen, der Tschechischen Republik, Slowenien, der Slowakei, Rumänien, Bulgarien, dem Kosovo, der Ukraine und vielen anderen östlichen Ländern, zieht es in Scharen an die zwei großen Wiener Akademien, nicht zuletzt wegen ihrer etablierten und stets weiter wachsenden Netzwerke und der exzellenten Ausbildung. Und auch in den Institutionen manifestiert sich die Rolle Wiens für die künstlerische Integration von Ost und West in Europa. Ivet Ćurlin, Sabina Sabolović, und Nataša Ilić vom kroatischen Kuratoren-Kollektiv WHW haben 2019 die Direktion der Kunsthalle Wien übernommen. Ihre Antrittsausstellung …von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden ist eine bewegte Collage geopolitischer Botschaften unterschiedlichster Künstler, die die Sehnsucht nach mehr Solidarität auf beiden Seiten der verschwommenen Ost-West-Dichotomie ausdrücken. Sie lotet das Potenzial eines vereinten Europas aus, ja vielleicht sogar einer vereinten Welt, aber auch den anhaltenden Kampf, der damit verbunden ist.

Installationsansicht …von Brot, Wein, Autos, Sicherheit und Frieden © Jorit Aust für die Kunsthalle Wien

Gender Check wurde vor über zehn Jahren gezeigt. Die Vorstellung dessen, was Osteuropa ausmacht und wofür seine Kunst steht haben sich seitdem gewandelt. Wien aber bleibt – metaphorisch gesprochen – das größte Fenster, durch das die Ost-West-Winde (heißt: Gedanken, Märkte, Menschen) nun ungehindert von Vorhängen wehen können.

Kimberly Bradley ist Kunstkritikerin und hat in Wien gelebt. Sie hat am Berliner Campus der New York University und an der Salzburg International Summer Academy of Fine Arts Kurse unterrichtet. Ihre Texte veröffentlicht sie in Publikationen wie ArtReview, BBC Culture, Frieze, Monocle, Smithsonian Magazine, und The New York Times.